Anmutungen
Zur Arbeit von Jakob Schaible
Dr. Hans-Jörg Clement
Bewegung. Das ganze Werk ist Bewegung. Stillstand. Das ganze Werk ist Stillstand. Ein in sich ruhender See. In dessen Kern arbeitet eine Kraft, atmet, verändert, mutiert, wandert, kehrt zurück. Jakob Schaible sucht in seinem Werk die Mitte; sie ist sein Thema.
Wasser, Licht, Oberflächen: Die Schulung der Sinne, die Erinnerung an die Kraft der Sinne, auch an die sinnliche Kraft. Entdeckungen und Wieder-Gesehenes, Wieder-Erfahrenes und Spiegelungen; aber sie spiegeln nicht, sondern verändern. Geworfene Schatten überlagern sich, verdecken und legen frei. Reisende Annäherung und Anverwandlung des Fremden. Behutsame Spurensuche. Kontemplativ für den Künstler, kontemplativ für den Betrachter. Erweiterung nach schweifendem Blick.
Anmutung: Man will berühren; die feinen, sich wellenden Blätter, das sich kristallisierende Salz, den sich bildenden Ruß im Antlitz der Büste, das vibrierende Wasser, die zuckende Schlange, den Staub. Man möchte hören; die Sirenenklänge, den schwingenden Ton, das Surren. Man möchte riechen: den Duft der Farben, den des Lichts und den der Dunkelheit.
Jakob Schaible sucht. Jakob Schaible sucht den Dialog; den mit den Kulturen, den zwischen Natur und Kultur: Geschichte reflektierend, Geschichten erzählend, Traditionen zitierend, visionär ausgreifend, Symbole der Natur und Kultur zitierend, verfremdend. Schaible sucht den Dialog mit dem Betrachter und den mit sich selbst. Die Existenz ist immer gemeint, die theatralische Selbstbespiegelung nie, keine Allgemeingültigkeit wird beansprucht, kein Räsonieren über das Leben an sich. An keiner Stelle rutscht das bisherige Werk in Gefühligkeit und damit ins Banale ab.
Raum, Körperlichkeit im Raum, Raumbezug, Eingriffe, Installation. Kinetisches Objekt, feinste Zeichnung, Aquarell, Zeichnung, Fotografie, Film. Crossover, Land-Art und Arte Povera, Natürliches und im schönsten Sinne des Wortes Artifizielles: natürliche Inszenierungen. Alltägliche Materialien gehen geheimnisvolle Verbindungen ein und entfalten neue Schönheit. Ganz einfach. Fragil und sich verflüchtigend reflektieren sie vor allem das Phänomen Zeit: Energie, Transgression, Vergänglichkeit und Anfang. Tempi: Verwitterungen, Verkrustungen, Abtrocknungen, Verdunstungen – Rhythmus und Verschwinden.
Poetische, erzählende Arbeiten, suggestiv, aber nicht manipulierend, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahrheit zersetzend; die zwischen Wirklichkeit und Illusion ohnehin. Der Betrachter findet am Ende nur sich selbst in einem durch Bewegung und Klang strukturierten Raum.
In der ästhetischen Anmutung entäußert sich kontemplative Kraft. Die Materialien und Formen amorph: Flammen, Licht, Sand, Salz, Wasser, verschwimmende Farbe. Fragmentarisch und zufällig offenbaren sie sich, selbst in Strukturen atmen sie das Archaische eines nicht zu definierenden Ursprungs. Alles bleibt dabei vorläufig, kein Werk kapselt sich hermetisch ab, das bisherige Œuvre: ein Fluss aus Reflektionen.Jakob Schaible erfährt, überschreitet, verwischt: Grenzen.