Die Resonanz der Moleküle – Anmerkungen zu den Arbeiten von Jakob Schaible

Von Dr. Peter Funken

Es ist ein Werk an den Grenzen zwischen Malerei und Installation, konzeptueller Kunst und Alchemie, Geschichte und Zukunft, das uns Jakob Schaible in seiner Ausstellung „Uran-Disco“ vorstellt. Es ist eine Arbeit mit Materialien und Medien, mit Bildern und Gegenständen im Raum, die uns hier begegnen, und bei der es um Schönheit und Verfall geht, um Fragen von Wahrnehmung, Interaktion und Systemen, um Vorstellungen im Bereich des Mikro- und Makrokosmos. Eigentlich geht es bei der Kunst Jakob Schaibles um Vorstellungsbilder unserer Existenz im Kosmos.

Werkstoffe, die Jakob Schaible in seinen Arbeiten immer wieder einbringt, sind Kochsalz und Wasser. Beide setzt er sowohl bei seinen bildnerischen wie auch bei den installativen Arbeiten ein, führt sie zusammen und inszeniert dabei ihr Zusammenspiel und ihre gegenseitigen Reaktionen.

Da sind die großformatigen Blätter der Serie „Schwarzwald“, bei denen der Künstler Salz, schwarzes Pigment und Wasser – ganz ähnlich wie beim Aquarellieren – auf Papiere bringt, die er auf dem Boden bearbeitet. Mit wenigen Pinselschwüngen legt er dabei Strukturen auf den nassen Bildträgern an. Im Prozess der Verdunstung blühen die Salzkristalle zu Pyramiden ähnlichen Formen auf und setzen sich als glänzende Partikel im Papier fest. Es entsteht eine hoch differenzierte und äußerst komplexe bildnerische Darstellung, die vom Prozess der Herstellung berichtet, darüber hinaus aber auch deutlich an Abbildungen erinnert, die aus dem Bereich des mikroskopisch Kleinen in der Biologie stammen könnten wie aus der unendlichen Größe des Kosmos und seiner Galaxien. Jakob Schaible setzt bei diesen Papierarbeiten geplant den Zufall ein und macht sich die physikalischen Reaktionen der Substanzen zunutze, so dass Bilder entstehen, die in ihrer dunklen Schönheit beeindrucken und in ihrer räumlichen Tiefe faszinieren. Die elfteilige Serie stellt ein offenes und zugleich in sich geschlossenes Konvolut dar, das wie eine Beschreibung der Unendlichkeit begriffen werden kann, doch zeigen sich diese künstlerischen Beschreibungen in unserer endlichen Welt und geben Auskunft über die Wirkungen von Naturkräften, die sich in ihrer Zusammenkunft sowohl anziehen, verbinden wie auch abstoßen.

Salz, diesmal in Form eines massiven Blocks Steinsalz, spielt ebenfalls in Jakob Schaibles Installation „stOne“ (2006) eine zentrale Rolle: Auf das Steinsalz fallen aus einer halbkugelförmigen Glasschale, die darüber aufgehängt ist, langsam und beständig Wassertropfen, so dass sich das Salz der Oberfläche allmählich löst und zu Boden rinnt. Die Salzlösung bildet rund um den Salzstein eine zunehmend größer werdende Lache, die sich auf dem Boden ablagert und dort eintrocknet. Innerhalb eines Prozesses, der manchmal wochenlang dauern kann, löst sich der Salzstein auf diese Weise gänzlich auf und rekristallisiert erneut am Boden in Form von unzählig vielen, kleinen Kristallen.

Die Wasserschale oberhalb des Salzes fungiert dabei wie eine optische Linse und bündelt das Licht im Brennpunkt auf dem Salzstein, dessen Oberfläche durchleuchtet und transparent erscheint. Das stetige Heruntertropfen des Wassers begleitet den Auflösungs- und Entstehungsprozess von dem diese Installation handelt und untermalt ihn klanglich. 

Mit dem Salz hat Jakob Schaible ein Material für seine Kunst entdeckt und für seine Arbeit fruchtbar gemacht, das wie kaum eine andere Substanz die Menschheitsgeschichte bedingt und begleitet. Bereits die Steinzeitmenschen kannten einfache Prozesse der Salzgewinnung. Städte wie etwa Lüneburg, Bad Reichenhall oder Hall in Tirol verdankten ihm Reichtum und in manchen Fällen ihren Namen, der auf das griechische Wort „hals“ für Salz zurückgeht. Salz war wertvoll und begehrt, denn es gab den Speisen ihre Würze und machte es möglich, Nahrungsmittel zu konservieren. Es kann deshalb kaum verwundern, dass sich mit ihm auch magische Vorstellungen verbanden. Nicht nur biologisch, sondern auch religionsgeschichtlich gilt Salz als unentbehrlich für die Lebenserhaltung. In den frühen Kulten wurden ihm Unheil abwehrende Kräfte zugesprochen, es half, böse Geister zu vertreiben, Salz wurde dem Opfer beigemischt, und sein gemeinsames Verspeisen gründet feste Bündnisse. Im Neuen Testament ist Salz das Symbol für den sittlichen Wert der Jünger Christi und wird bei der Bereitung des Weihwassers und bei der Taufe verwendet. (1)

So wie dieser Stoff als Lebensmittel und als symbolhaftes Substrat auf uns gekommen ist, besitzt Salz offensichtlich auch magische Qualitäten. Salz ist ebenfalls ein Material der Kunst – etwa bei Joseph Beuys, Dieter Roth oder Rebecca Horn.In den Arbeiten Jakob Schaibles begegnet uns das Salz und insbesondere sein Kristall, als eine die Wahrnehmung fokussierende Substanz, die den Blick wie bei einer optischen Linse oder einem Prisma zu lenken und zu führen weiß. Dieses Konzept der Blickführung verwendet Schaible auch bei seinen installativen Arbeiten, und selbst dann, wenn er nicht mit der weißen Substanz und ihren Kristallen operiert. 

Bei seiner Installation „Zabriskie Point“ (2006) filmt eine Videokamera, von der nur das Objektiv in der Wand sichtbar ist, einen gegenüber aufgestellten Videoprojektor und dessen Lichtprojektion. Diese wird an den Videoprojektor übertragen und von ihm an die Wand projiziert, in die die Kamera eingelassen ist. Ein Automatismus der Kamera versucht vergeblich, sich durch ein Öffnen und Schließen der Linse der Intensität des Lichtes anzupassen. Dies hat zur Folge, dass die auf der Wand sichtbare Projektion sich als Abbild der Beamerlinse in einem pulsierenden Rhythmus zu einem Punkt zusammenzieht, um daraufhin in einer Lichtexplosion über der ganzen Wand zu erstrahlen. Tritt jedoch ein Betrachter in die Sichtachse zwischen Kamera und Projektor, so fokussiert sich die Kamera auf diesen, und auf der Projektionsfläche erscheint das Abbild der Person, in das ihr eigener Schatten fällt.

Bei der interaktiven Installation „Uran-Disco“ arbeitet Jakob Schaible mit radioaktivem Material: Ein kleines Stück Pechblende liegt auf dem Boden und in der Mitte einer technischen Installation. Der Raum dieser Arbeit fungiert im Sinne eines opto-akustischen Systems, das äußerst sensibel auf die Bewegungen der Betrachter reagiert. Ein Mikrofon nimmt die Eigenresonanz des Raumes auf, diese wird verstärkt und von einem Lautsprecher als Sinusschwingung wiedergegeben. So entsteht ein akustisches Feedback dessen Wellenlänge durch die Resonanzeigenschaften des Raumes bedingt ist. Bewegt man sich im Umfeld der Installation, so ändert sich die Resonanz und damit der Klang. Durchbrochen wird dieses System durch das Ticken eines Geigerzählers, der die radioaktive Strahlung der Uranprobe misst. Hierdurch entsteht ein zufälliger Rhythmus, der die Zeit im Maß des atomaren Zerfalls strukturiert. Synchron und mit jedem gemessenen, zerfallenen Atom durchzuckt der Lichtblitz eines Stroboskops den Raum der Installation. Dieses a-rhythmische Aufblitzen wirkt wie eine visuelle Verstärkung des Atomzerfalls. In der Interaktion mit dem Raumklang – oder anders gesagt: durch die Bewegungen der Betrachter – wird das subjektiv erlebte Raum-Zeit-Kontinuum in ein Verhältnis zum Zerfallsprozess der Materie gesetzt.

So wie andere Installationen Jakob Schaibles ist auch „Uran Disco“ eine interaktive Arbeit, die den Betrachter benötigt und ihn herausfordert, selber in das Geschehen einzugreifen. Damit eröffnet sich für ihn die Möglichkeit zur eigenen Erfahrung im Umgang mit dem Kunstwerk. Bei „Uran-Disco“ ist er sowohl Sender wie auch Empfänger und erlebt und verändert aufgrund seiner Bewegungen und Position die Resonanzeigenschaften des Raumes und damit den Klang des akustischen Feedbacks.Der Betrachter konstruiert mit seiner Interaktion ein kommunikatives System, denn er ist  Auslöser des Geschehens und hat daran Anteil.

 „Uran-Disco“ ist eine Installation, die vom Zusammenspiel von Mensch und radioaktivem Material handelt – jedoch in anderer Weise, als dies etwa bei atomaren Versuchen in der Wissenschaft oder beim Militär geschieht. Uran ist ein dem Eisen ähnliches Schwermetall, aber es wird in der Hauptsache mit seinen gefährlichen Aspekten – man denke etwa an die Atombombe – in Verbindung gebracht. Uran ist jedoch wie Wasser oder Salz ein Stoff, der im System unserer natürlichen Umwelt vorkommt und seinen Platz hat. Erst durch menschliche Technik wurde Uran zum Synonym für Bedrohung und Vernichtung. Wenn Jakob Schaible Uran zum Zentrum seiner „Disco“ macht, lenkt er die Wahrnehmung weg von den gefährlichen Aspekten des Materials und hin auf den gesellschaftlichen Umgang mit der bahnbrechenden physikalischen Erkenntnis, dass jede Materie aus reiner Energie besteht. Dieser Gedanke führt den Künstler zu der Einsicht, dass unser Leben einem ständigen Gestaltungs- und Transformationsprozess von Energie unterliegt. Die „Uran-Disco“ kann von somit als ein Gesellschaftsmodell verstanden werden, in dem die Verantwortung immer als individueller Auftrag existiert – genauso wie in der Installation, in der jede Bewegung und Handlung unmittelbare Konsequenzen hat und das interaktive System in seiner Gesamtheit beeinflusst.

 

 

1) Der Name Halit leitet sich von den HYPERLINK "http://de.wikipedia.org/wiki/Griechisch"griechischen Wörtern = hals, halos für Salz und lithos für Stein her. Die Herkunft des Wortes „Salz“ liegt im Dunkeln. Es ist jedoch interessant, dass die indogermanische Wortwurzel „sal“ sich sowohl in den Begriffen „Salz“ („bleich, grau“), Saal (germanisch „salaz“ = „Haus“) und Seele („salig“ = „selig“ = „himmlisch, heilig“) findet. Dieser Zusammenhang ist zwar nicht unumstritten, jedoch sehr wahrscheinlich, findet er sich doch im Sprachgebrauch gleich ein zweites Mal: das griechische Wort „hals“, dessen Ursprung im Keltischen vermutet wird, bedeutet „Salz“. Dies dokumentiert sich in Ortsnamen, die Salzfundstellen bezeichnen: Hallstatt, Bad Reichenhall, Schwäbisch Hall etc. und in der heutigen mineralogischen Bezeichnung für Salzkristalle: „Halit“. Hier zeigt sich eine Wortverwandtschaft zum Begriff „Halle“(= germanisch „halboffenes Haus“) und zum Götterhimmel, germanisch „Walhalla“.