Zwischen Versuchung und Verseuchung
Von Daniel Völzke
Willkommen zur großen Weltendisco! Alles tanzt unter einem Beat, unter einer sich drehenden Discokugel, alles hält den Atem an, wenn Reim und Rhythmus kurz aussetzen, und alles jubelt, wenn sie wieder da sind, die großen menschenfreundlichen Menschengleichmacher. Alles flirtet miteinander, Stillstand ist niemals, immer Strom, Strudel, Schwingung und Geswinge. Ein ewiger Tanz der Atome, Moleküle, Zellen, Pflanzen, Tiere, Menschen. Geschichte wird gemacht – und nicht immer vom Menschen selbst.
Jakob Schaible zeigt mit einem einfachen Versuchsaufbau, dass niemals Ruhe herrscht in der Natur, selbst nicht in der sogenannten „unbelebten Materie“. Das unscheinbare Herz seiner „Uran-Disco“ pocht in einem kleinen Mineral, einer so genannten Pechblende, geborgen aus einem Schacht in Süddeutschland. Dieses uranhaltige Erz hat schon ein wenig Kunstgeschichte geschrieben: Aus Pechblende wurden einst auch Farben für Gemälde hergestellt. In Schaibles Kunstwerk liegt dieses Stück Natur in verwittertem Grau und Grün wie beiläufig auf dem Boden, daneben ein Geigerzähler, der die ionisierende Strahlung des Steins misst. Das unregelmäßige Knacken des Messgerätes – kaum mehr als ein vorsichtiges Räuspern – wird durch einen Verstärker und einen großen Lautsprecher zum Knallen, die stillen Sensationen, der Zufall des Zerfalls im Innern der Pechblende, manifestieren sich in trockenen Salven. Verstärkt wird die Wirkung durch ein Stroboskop, das im Takt des Tickens aufblitzt.
Der 1978 geborene Künstler lauscht also mit seiner Installation hinein ins Innere der Natur. Schon in anderen Arbeiten, etwa mit seinen Salzaquarellen, benutzte er Naturalien und spielte mit deren spezifischen Eigenschaften. Doch im Gegensatz zu den Romantikern, die fasziniert waren von Bergwerkwelten und einer beseelten Natur, und auch im Unterschied zum Steinesammler Goethe ist das Lauschen auf die Stimme der Natur in der „Uran-Disco“ nicht mehr mit der Hoffnung verbunden, Harmonie, Maß oder Erbauung zu entdecken. Das trockene Knacken eines Geigerzählers ist für uns ein markantes Warnsignal geworden. Die unsichtbare radioaktive Strahlung wiederum wurde in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine Metapher für den Segen und den Fluch des Fortschritts. Sie geriet zum prometheischen Feuer, an dem sich moralisches und amoralisches Handeln entzündet. In Lebensläufen von Wissenschaftlern wie Otto Hahn oder Robert Oppenheimer loderte dieser Konflikt.
„Weil es um unsere Zukunft geht . . .“, so lautete einmal ein Slogan der Atomlobby. In den siebziger Jahren wurde diese an sich schon mehrdeutige Parole von der Band Kraftwerk für einen Song benutzt, der sich skeptisch mit Atomtechnologien auseinandersetzt. Denn längst klingt die Zukunftsmusik Atomkraft mehr nach Bedrohung als nach Verheißung. Jakob Schaible lässt diese Ambivalenz aufklingen in seiner Installation im Kunstverein Oberer Neckar, nur wenige Kilometer entfernt vom Haigerlocher Felsenkeller, in dem Werner Heisenberg den ersten Atommeiler der Welt bauen wollte. Schon der Titel der Arbeit bringt die Disco als moderne Kultstätte und Ort des erdenthobenen Glücks zusammen mit dem Gestein aus den Tiefen, dessen Energien doch erst die Versprechungen des andauernden Atomzeitalters möglich machen.
In dieser Spannung zwischen Risiko und Technologie, zwischen Verseuchung und Versuchung, zwischen Tschernobyl und Utopia ist jeder Mensch heute gefangen. Der Soziologe der „Risikogesellschaft“, Ulrich Beck, legt dar, dass nach der Erfahrung der Tschernobylkatastrophe kein Mensch mehr ausgenommen ist von der Angst: „Not lässt sich ausgrenzen, die Gefahren des Atomzeitalters nicht.“ Die Anderen, die klar definierten Opfergruppen gebe es weiter – doch unter dem Damoklesschwert Atomkraft sitzen alle beieinander: Arme wie Reiche, Junge wie Alte, Christen, Juden, Muslime – alle. Der gleichmachende Segen der Technologie bringt die gleichmachende Bedrohung der Risikotechnologie mit sich.
Diese „Ansprache“ an alle in der Verbindung von Natur und Technik gemeinsam mit der ethischen Verantwortung der Erschaffer der neuen Kraft enthält natürlich auch ein religiöses Moment. Viele Wissenschaftler, die sich mit Atomenergie beschäftigten, wurden in religiösen Kontexten fündig, wenn sie die neue Qualität der Kraft beschrieben. Dass der Entdecker der Kernspaltung des Urans, Otto Hahn, 1961 von Papst Johannes XXIII. die Goldmedaille der Päpstlichen Akademie erhielt, ist nur eine anekdotische Randnotiz in den zahlreichen Verweisen auf Metaphysik. „Trinity“ wurde die erste je gezündete Atombombe von Robert Oppenheimer getauft, angeblich nach der Lektüre eines Sonetts von John Don, und als sie vor den Augen des „Vaters der Atombombe“ explodierte, zitierte er aus der Bhagavadgita: „Jetzt bin ich der Tod geworden, Zerstörer der Welten.“
Das Bewusstsein, dass alle Menschen betroffen sind von Risikotechnologien, aktiviert Jakob Schaible mit seiner Installation. Jeder Besucher ist sofort durch das emblematische Knacken des Geigerzählers gewarnt. So gelingt es dem Künstler mit einfachen Mitteln, Aufmerksamkeit zu generieren. Doch darin erschöpft sich die „Uran-Disco“ nicht. Schaible stellt ein Mikrophon auf, das den Raumklang aufnimmt und via Verstärker wieder in den Raum entlässt. Es entsteht eine Selbsterregung, pfeifende, anschwellende Töne, die den Eindruck nähren, dass man es hier mit einer alarmierenden Situation zu tun hat. Bewegt sich der Besucher in diesem Feedbacksystem aus Mikrophon und Lautsprechern, beeinflusst er die Frequenz der Rückkopplung. Beharrt er ruhig in bestimmten Positionen, kann es sein, dass das System wieder ganz zur Ruhe kommt und schweigt. Dass allein das Konzert der Pechblende zu hören ist.
So erzählt „Uran-Disco“ in einer kühlen, lakonischen Poetik und mit der intensiven Teilhabe des Betrachters vom Verhältnis des modernen Menschen zur Natur. Es geht um die schicksalhafte Positionsbestimmung des Einzelnen, die auch eine moralische und politische Frage ist. Schon von Anbeginn wurde die Urbarmachung und Erweckung der Potentiale der Erde unter Hybrisverdacht gestellt. Prometheus wurde dafür in Ketten geschlagen. Als die ökologische Bewegung und der heutige Umweltbegriff entsteht, wird der Gedanke an Hybris – diesmal ganz säkularer und politischer Art – präsenter denn je. „Uran-Disco“ veranschaulicht die von der Kybernetik und der Systemtheorie beschriebene Kopplung und Irritation geschlossener Regelkreise, in denen keine Handlung ohne Folge bleibt und jede Veränderung sich auf das gesamte System auswirkt. Der prominenteste Systemtheoretiker, Niklas Luhmann, beschreibt die drängende soziologische Problemkonstellation Gesellschaft – Technik – Natur so: „Wie reagiert das politische System auf die dreifache Irritation der Gesellschaft durch Technik – auf die durchgängige Abhängigkeit von funktionierender Technik in nahezu allen Bereichen; auf die konkreten Formen des Umgangs mit Risiken [...]; und schließlich auf die darauf reagierenden generalisierten Besorgnisse, die die Form von Protestbewegungen annehmen und sowohl Massenmedien als auch die Organisationsformen der Bürokratie beeinflussen.“ Diese Regelkreise zwischen Technik, Politik, Massenmedien und Protestbewegung lassen sich auch aktuell in der Diskussion um den Klimawandel verfolgen.
Vielleicht hat der Mensch, der in Jakob Schaibles „Uran-Disco“ steht, dieses Geflecht aus Instanzen, dieses „eherne Gehäuse“, wie Max Weber sagt, im Kopf – der Signalton des Geigerzählers ruft entsprechende Bilder und Gedanken auf. Doch wenn der Besucher sich lange genug der Installation aussetzt, dann wird er womöglich von Abstrakta absehen können und sich konkretere Fragen stellen: Wie pocht das Vergehen von Zeit in meinem Körper? Wie kann ich eigenverantwortlich handeln unter den Bedingungen einer eingetakteten Welt? Welches Verhältnis habe ich zur Natur, empfinde ich mich davon getrennt oder bin ich darin eingebunden? Wie verändert unser Wissen über die Natur unsere Wahrnehmung der Welt? Kann Technik auch Teil der Natur sein? Was bleibt vom Menschen übrig, wenn Materie reine Energie ist?
Als Kunstwerk thematisiert die „Uran-Disco“ natürlich nicht zuletzt die Kunst selbst. Die alte Frage nach den mimetischen Techniken der Kunst schwingt darin mit, Paul Klees Diktum, dass die Kunst nicht das Sichtbare wiedergebe, sondern sichtbar mache. Wie gestaltet der Künstler sein Werk „nach der Natur“? Kann und darf er die Natur in ihren Effekten überbieten? Durch die verwegene Einbindung des Betrachters in die „Urandisco“ fragt Jakob Schaible auch nach dem Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter, das hier luzide und beinahe parodistisch überzogen ist.
Willkommen zur Weltendisco, wegducken geht nicht mehr!